Verkehrsmelder: Korsika

27.06.2016

von der "alten" Timbo-Seite
von der "alten" Timbo-Seite

Was haben wir gelacht, als es im Reiseführer hieß, man solle abseits der wenigen Schnellstraßen auf Korsika nicht mit mehr als 40 km/h im Schnitt rechnen!
Die Erheiterung endete mit dem ersten Ausflug. Schnell gaben wir uns den Korsen geschlagen, diesen bewundernswerten Großmeistern der Entschleunigung. Ihre Mittel sind einfach, kostengünstig und effektiv:

1. Es werden Kurven gebaut. Überall. Die einzigen paar Meter gerader Strecke findet man im langweiligen östlichen Flachland, wo selbst der Einheimische nur (für seine Verhältnisse) schnell durchrauschen will. Aber sogar da, auf der zentralen Schnellstraße von Nord nach Süd, sorgen unzählige Kreisverkehre und der hervorragend organisierte Feierabendstau noch dafür, dass man den Tempomat getrost ausbauen kann. Ansonsten: Kurven. Keine Serpentinen in den Bergen, das wäre irgendwie zu rhythmisch, zu durchschaubar, nein, einfach eine wilde, unvorhersehbare Aneinanderreihung von Kurven, eine nahtlos in die andere übergehend. Und wo eine Gerade an einem Felsen vorbei führen könnte, wird der gesprengt, um Platz für Kurven zu schaffen.

2. Straßen werden nie breiter gemacht als unbedingt nötig. Was nicht Hauptverkehrsader ist, braucht nicht mehr als eine Spur. Und in der Ausgestaltung kann sich der Schotte mit seinen "Sinlge-Track-Roads" noch was abschauen. Ausweichstellen? Was ist das? Nix da! Rechts der Fels, links der steile Abhang, und zwischen Asphalt und diesen natürlichen Begrenzungen hat es allenfalls noch etwas Gebüsch, durch das sich quietschend und schrammend Autos fräsen, wenn sie sich dummerweise begegnet sind. Das führt uns gleich weiter zum nächsten Punkt:

3. Auf Absicherungen wird großzügig verzichtet. Leitplanken sind doofes, neumodisches Zeug und kosten nur Geld. Sieht man doch, wo die Straße endet und die Schlucht beginnt, und da fährt man halt dann nicht über den Rand. Man muss nur langsam (!) machen, dann geht das schon. Und wenn doch mal einer abstürzt, hat das auch noch seinen Sinn, denn sein Auto bleibt einfach im bewaldeten Hang liegen und mahnt besser zur Langsamkeit als jedes "Vorsicht Schule!"-Schild.

Übrigens: Wer - vielleicht als Kenner der hiesigen Kolumne - nun sagt "ach, Abgründe am Straßenrand gibt's auf anderen Mittelmeerinseln auch", der verkennt eines: Während die Gefahrenstellen beispielsweise auf Kreta (siehe Verkehrsmelder vom 20.07.14) durch abgebrochene Ränder völlig maroder Straßen entstanden sind, hat man auf Korsika inzwischen viel dafür getan, die einst als geradezu unbrauchbar verrufenen Verkehrswege zu sanieren - sie sind allerdings danach noch genauso gefährlich. Man fällt halt heute gegebenenfalls von einer renovierten Asphaltdecke in den Abgrund.

4. Weil sich die Einwohner der zahllosen Örtchen vehement dagegen wehrten, dass ihre Häuser gesprengt werden sollten, um die Ortsdurchfahrten kurviger zu machen, einigte man sich stattdessen auf Hubbel in vergleichbarer Frequenz. Meist sind es Asphalthügel, wie man sie aus unseren Tempo-30-Zonen kennt, aber während sie dort in großzügigen Abständen nur mal kurz für Aufmerksamkeit sorgen sollen, gleichen korsische Ortsdurchfahrten einer Buckelpistentour. Und wo diese straßenbauliche Maßnahme vergessen wurde, schraubt man eben nachträglich eine Reihe von erhöhten Metallplatten auf. Die machen dann wenigstens auch noch Lärm.

So bewegt sich also der Korse gemütlich über seine Insel, und dabei stellt er unter Beweis, dass er kein Franzose ist: das auf dem Festland übliche Dauergeblinke (siehe Verkehrsmelder vom 31.12.12) findet nicht statt. Eigentlich blinkt der Korse so gut wie gar nicht, was auch irgendwie egal ist, man sieht ja aufgrund der Gemütlichkeit immer rechtzeitig, wer wohin will.

Er hupt allerdings auch kaum, was der These, der Korse sei mehr Italiener als Franzose, wiederum einen Dämpfer versetzt.

Nein, der Korse ist einfach nur Korse und fährt einfach so vor sich hin. Langsam und gemütlich. Und erstaunlicherweise nur selten in den Abgrund.