The Story of B. - oder: Liebe macht seltsam

14.08.2013

erstmals veröffentlicht in KULT Nr. 19 (1998), später gekürzt in !SZENE am 11.10.2002
erstmals veröffentlicht in KULT Nr. 19 (1998), später gekürzt in !SZENE am 11.10.2002

Wir waren jung damals, alle miteinander. Und in Ansätzen wild. Auch er. Gelegentlicher Alkoholgenuss, in manchen Fällen ohne das nötige Maß. Gerne Kaffee bis zum Ertrinken. Zu den meisten Mahlzeiten Menüs, die alles, aber wirklich alles entbehrten, was die Aufschrift auf der Cornflakespackung empfiehlt. Oben drauf einen Haufen Zippen.
Sicher, eine Gratwanderung, was das dauerhafte körperliche Wohlbefinden bis ins hohe Alter betrifft, aber voll von beschwingter Unvernunft und der genussreichen Lasterhaftigkeit jugendlicher Gleichgültigkeit.

In der Regel ändert sich das nach und nach, und zwar spätestens dann, wenn graue oder ausfallende Haare, Fältchen und Bierbauchansatz für ein neues Körperbewusstsein sorgen.
Bei ihm aber ging das schlagartig von heute auf morgen, als SIE in sein Leben trat und Amor ihm unvermittelt seinen Pfeil durch den Rücken ins Herz rammte.

"Du rauchst?​! Stinkt und schmeckt scheiße beim Küssen", konstatierte SIE, und sofort begann sich IHRE Wichtigkeit wie ein rosa Vorhang vor ihm herabzusenken, versperrte die Sicht auf den ursprünglich vorgesehenen Weg durch die noch zahlreich vor ihm liegenden Jahre unbeschwerten Leichtsinns.

Statt Tabakstäbchen im Mund plötzlich Räucherstäbchen im Zimmer, statt voller Aschenbecher ein Duftlämpchen.

"Kaffee ans Bett, Schatz?​" Von wegen! Grünen Entschlackungstee!
Dazu ein paar kleine Möhrchen zum Dippen in Magerquark und eine Scheibe Vollkornbrot mit Milliarden von dicken, unzerkaubaren Körnern und Kernen drin.

Alkohol höchstens noch an Silvester.

Die Haare geschnitten, Zahnweißprodukte gekauft und zu allem Überfluss allen Ernstes die Frage gestellt, ob denn die zum Ausgehen übergeworfene Jacke zu den Schuhen passe.

Selbst heute, etliche Jahre später, frage ich mich noch: Wer war SIE?
War SIE ausgesandt, um einen Auserkorenen auf einen besseren, vernünftigeren, gesunden, gutaussehenden Weg zu führen? Wie hat SIE diese Verwandlung bewerkstelligt?
Woher kam SIE? Aus höheren Sphären? Aus Altenplos?
Was wollte SIE? Nur sein Bestes? Oder eigentlich einen ganz Anderen?

Eins weiß ich: Bier schmeckt ihm schon lange wieder. Und er ist seit etlichen Jahren glücklich verheiratet. Mit einer völlig anderen Frau.

Lernt daraus, Kinder. Spart euch den Umweg.