Sieben Säcke Zimt

27.11.2011

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 20.12.2002
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 20.12.2002

Welchen Beruf kann man eigentlich ergreifen, wenn man einen Sprachfehler hat? Wenn man zum Beispiel lispelt?

Man kann Automechaniker werden. Oder Computer-Programmierer. Erfinder. Gas-Wasser-Installateur. Schriftsteller. Undundund.

Lehrer sollte man vielleicht nicht werden. Es sei denn, man steht drauf, wenn einem die süßen Kleinen jeden dritten Morgen den Stuhl ansägen, weil sie es so lustig finden, wenn es rumpelt und einer "Au! Feife!​" schreit.

Aber man kann der freundliche Gemischtwarenhändler von nebenan werden. Oder ein gut aussehender und gerade ob seines Fehlerchens umso süßerer Junioren-Rollerblade-Slalom-­Weltmeister, bald auch in der BRAVO als Sticker für abertausende von Federmäppchen.

Wäre ich Berufsberater und als solcher zuständig für die Betreuung einer lispelnden, aber rundum begabten Schulabgängerin, würde ich ihr sagen: "Meine Liebe, Sie können fast alles werden, was sie nur wollen. Vielleicht nicht gerade Lehrerin. Und womöglich wäre es sinnvoll, nicht unbedingt eine Karriere als Radio- oder Fernsehsprecherin anzustreben. Außer, Sie bewerben sich bei RTL. Denen ist es nämlich völlig wurscht, ob jemand beim Verlesen weltbewegender Neuigkeiten aus der Welt von Politik, Klatsch und supergoldigen Hundebabys in der Sendung 'Punkt 12' geradezu gottserbärmlich mit der Zunge anstößt.​"

Nein, ich habe grundsätzlich keinerlei Problem mit lispelnden Menschen, und es liegt mir fern, mich über sie lustig zu machen. Ich selbst habe als Kind auch gelispelt. Da hat mir eine Frau geholfen, zu der mich meine Eltern regelmäßig hinschleiften, und die mich zwang, Sätze zu sagen wie "Sieben Ziegen ziehen sieben Säcke Zimt zum Zug". Ich halte diese Aussage zwar nach wie vor für unsinnig, aber irgendwie hat es seinen Zweck erfüllt. Ich lisple nicht mehr.

Wahrscheinlich ist DAS der entscheidende Grund, warum ich nicht bei RTL arbeite.