Palmen am Nordpol

06.01.2013

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 08.11.2002
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 08.11.2002

Abgesehen von einigen geerbten und absolut untragbaren Exemplaren, die ihr Überleben ausschließlich meiner Trägheit beim Ausmisten verdanken, habe ich nur eine sehr geringe Zahl von Krawatten im Schrank und vermeide deren Benutzung soweit irgend möglich. Ich habe auch kein Problem damit, einer Dame im Restaurant hinterher zu dackeln, bis sie endlich selber einen Platz gefunden hat, und ihr anschließend zu gestehen, dass ich mit Sicherheit keinen Wein für uns aussuchen werde, da ich als Biertrinker nicht das Geringste davon verstehe. Es ist mir außerdem egal, ob man mit dem Fischmesser die Oliven aus dem Salat popeln darf, oder ob das ausschließlich mit der Kuchengabel erlaubt ist. Und wenn ich zu Hause angerufen werde, ohne zu wissen, von wem, melde ich mich gerne mit einem neutralen "„Ja!"​“, weil ich der Ansicht bin, der Störer soll sich zuerst zu erkennen geben.

Trotzdem: Im Allgemeinen halte ich mich für einen recht gut erzogenen, manierlichen, höflichen Menschen. Ich grüße freundlich, halte Türen auf, lasse Vortritt, helfe tragen, biete Plätze an und kratze mich in der Öffentlichkeit nicht da, wo man sich in der Öffentlichkeit nicht kratzen sollte.

Speziell wenn ich älteren Damen in zuvorkommender Art begegne, sind sie meist richtiggehend verzückt. Da strahlen die Gesichter, als wären höfliche Menschen unter 60 so rar wie Palmen am Nordpol.

Neulich beim Bäcker zum Beispiel. Ich sah durch die Verglasung eine schwer mit Taschen bepackte ältere Dame auf den Laden zusteuern, hechtete sofort zur Tür, riss sie weit auf und ließ die Dame herein. Diese bedankte sich geradezu überschwänglich.

Anschließend drängelte sie sich vor.

Da das alles andere als ein Einzelfall sondern vielmehr nahezu alltäglich ist, möchte ich einfach mal festgestellt haben:
Am Südpol gibt’s auch nicht mehr Palmen.