Kunst und Käse

07.08.2011

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 27.09.2002
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 27.09.2002

Mein Vater erzählte gerne, er hätte mal aus Versehen eine Tasse Kaffee über ein Blatt Papier vergossen und das so entstandene Werk als angebliches Resultat seiner Laienmalerei einem selbst ernannten (wer ernennt die eigentlich sonst?) Kunstkenner vorgelegt. Dieser, so die erwartungsgemäße Pointe des Vorfalles, habe nach interessierter Betrachtung den künstlerischen Wert und Ausdruck des Unfalls gepriesen.

Ich mag diese Geschichte gerne glauben, denn genau so läuft's, und wer nicht brav mitläuft, wird als Ahnungsloser schief beäugt. Mögen mich wütende Insider ob meiner hiermit öffentlich bloßgelegten Ignoranz in Zukunft mit Eiern bewerfen - ich bleibe ein überzeugter Banause, der drei verschiedenfarbige Striche auf Tonpapier mit dem Titel "der Kranich hat Hunger" für Käse hält und nicht für Kunst.

Zum Glück kann es mir völlig egal sein, wer von den Eierwerfern am Ende ein paar tausend Euro versenkt, um sich so was in die Galerie hängen zu können, solange ich nicht vorbeikommen muss, um es ebenso höflicher- wie verlogenerweise zu bestaunen. Viel mehr tut mir weh, dass in der Musik ganz ähnlich läuft und man den Ergebnissen dieser Tatsache nur schwerlich entkommt, wenn man sich nicht den ganzen Tag die Ohren zuhält und alle Medien meidet.
Wie der bildende Künstler, um ein anerkannter solcher zu sein, in der Moderne nicht mehr irgendwas hervorbringen muss, das ich in meiner grenzenlosen Talentlosigkeit nicht mühelos reproduzieren könnte, so ist auch für viele "Musiker" Talent nur noch Beiwerk. Was hier der nickelbebrillte Wichtigtuer, sind dort BRAVO, RTL, VIVA, BILD... Irgendjemand sagt uns schon, was gut ist. Oder was wir gefälligst für gut zu befinden haben, denn eigentlich ist es das in der Mehrzahl nicht. Und dann wird's gekauft, denn erstaunlicherweise sind auf diesem Gebiet in weiten Teilen Qualität und Massenkompatibilität nahezu umgekehrt proportional.

Besonders schlimm jedoch: Aufgrund dieser Tatsache steht jedem Selbstverwirklicher, der weit davon entfernt ist, so was wie ein Musiker im eigentlichen Sinne zu sein, aber trotzdem schon immer so einer sein wollte, die Tür zum Tonstudio weit offen. Von Pfannkuchengesichtern aus Vorabendserien bis hin zur Präsidentengattin (oder zur Prinzessin... mit Grausen erinnere ich mich an diejenige von Monaco, die als Beweis dafür stehen mag, dass es sich insgesamt nicht um einen Trend, sondern um eine schon lange etablierte Verirrung handelt) - irgendwie kommen viel zu viele Leute irgendwann auf die Idee, sie könnten auch mal eine Platte aufnehmen, und da man sie sowieso kennt, brauchen sie sich um Publicity und mediale Allgegenwärtigkeit nicht zu sorgen.

An dieser Stelle tue ich den bildenden Künstlern mit dem einleitenden Vergleich allerdings unrecht. Immerhin sind sie Schuster, die bei ihren Leisten bleiben. Sie sagen zum Beispiel "Ich bin Maler!", und dann malen sie. Sie wollen keine Autos reparieren, wollen nicht bei Werder Bremen spielen, wollen nicht Stadtratsmitglied werden, nein, sie malen, was auch immer.
Das ist ein entscheidender Unterschied zu all jenen, die eigentlich was ganz anderes sind, aber plötzlich den Drang verspüren, ihren Traum vom Künstlerdasein im Bereich der Musik verwirklichen zu müssen.

Es mag übertrieben böse sein, aber in den hintersten, finsteren Winkeln meines Wesens wünsche ich mir für einige von ihnen ganz leise, sie hätten schon immer geträumt, fliegen zu können - was immerhin nicht weniger abstrus ist als die Annahme, sie könnten tatsächlich hörenswerte Musik machen - und eines Tages wären sie vor lauter Selbstverwirklichung irgendwo hochgekrabbelt...