Kneipensterben

01.09.2011

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 30.08.2002
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 30.08.2002

Viel war in den letzten Jahren zu hören und zu lesen über das Kneipensterben in meiner Heimatstadt. Kleine, schummrige Wohnzimmer mit Bierausschank scheiden offenbar dahin, nur die grellen Konzepte überleben.

Vor kurzem aber wurden wir in einem Zeitungsartikel endlich über die Gründe hierfür erleuchtet: Wir, die wir gelegentlich hier oder da Gäste sind, ja, WIR sind schuld. Weil: Wir legen neuerdings mehr Wert auf Qualität in unserer Freizeit, so das Ergebnis einer wie auch immer gearteten Untersuchung. Und: Jene Qualität, heißt es, sei genau das, was uns nur die „Großen“ mit Konzept zu bieten haben.

Wow, endlich erfahre ich mal, was ich wirklich will!
Der Selbstversuch - gezwungenermaßen, denn meine Stammkneipe hat vorübergehend geschlossen - brachte es zutage:

Ich möchte umfassend TV-beworbenes oder völlig exotisches Bier. Dazu sollte die Getränkekarte stets auf dem Stand aktueller Trends sein und dementsprechend auch irgendwas mit Holunderaroma oder Bier-mit-wirklich-ALLEM-Mix-Getränke anpreisen.
Das alles schmeckt mir nur, wenn es von einer dynamischen, männlichen Tresenkraft mit Soapstar-Äußerem eingeschenkt und von einem lächelnden weiblichen Bedienungsengel serviert wurde, der so tut, als würde er sich über meine Anwesenheit besonders freuen.
Die Kleidung der beiden sollte möglichst einheitlich sein, nicht dass man sie irrtümlich für Individuen hält. Keinesfalls dürfen sie sich nach meinem x-ten Besuch an meine Standardwünsche erinnern oder mich gar irgendwann beim Namen nennen.
Außerdem ziehe ich es vor, von hippem, gerne vorwiegend studentischem Einheitsbrei umgeben zu sein und nicht durch die Anwesenheit von Leuten belästigt zu werden, die mein Auge beleidigen, weil etwa ihr Äußeres eine Vorliebe für Gitarrenmusik widerspiegelt.
Sollte ich mir mal einen Cocktail gönnen wollen (bitte von der o.g. Tresenkraft mindestens lässig, besser noch akrobatisch zubereitet, sonst lasse ich ihn SOFORT zurückgehen, weil sich das nämlich auf den Geschmack auswirkt), möchte ich mein Geld zu zwei Dritteln in Eiswürfel investiert wissen. Glitterschirmchen und akkurat zurechtgesäbelte Fruchtschnipsel setze ich ohnehin voraus.

Möglicherweise trinke ich aber auch zuhause mein einheimisches Bier aus der Flasche, bis meine kleine Stammkneipe wieder aufmacht.