Jahreswechselstress

15.02.2012

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 17.01.2003
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 17.01.2003

Ich verschreibe mich noch einige Wochen gelegentlich beim Datum.
Mehr ist eigentlich nicht dran an dem Ganzen, weshalb der wieder und wieder zelebrierte Trubel mich irgendwie anstrengt.

Nein, es ist nicht einfach, ruhig und gediegen ins nächste Jahr zu rutschen. Vor allem, weil - verlässlich wie im September die ersten Weihnachtsartikel im Supermarkt feil geboten werden - spätestens im November der nicht enden wollende Reigen von "Was machst'n an Silvester?​"-Fragern vorbei zu tanzen beginnt. "Mal schauen,​" antworte ich fleißig, stets darum bemüht, so zu wirken, als wäre ich noch auf der Suche nach dem ultimativ besten Angebot.

In Wirklichkeit weiß ich schon jetzt, was auch nächstes Silvester passieren wird: Ich werde in einer kleinen, gemütlichen Runde mit Verweigerern und/​oder Übriggebliebenen sitzen, weit weg von aller kalendarisch vorgegebenen Exaltiertheit. Und ich werde mich prima fühlen.

Wenn schließlich um Mitternacht allenthalben die Nächstenliebe ausbricht (endlich wildfremde Frauen abschlecken!​) und stimmungsvoller Lärm und Rauch die Straßen erfüllen - Höhepunkt dessen, was sich bis dahin nur durch jugendliche Randalierer ankündigte, die glücklich jauchzend Mülleimer, Briefkästen und Auspuffrohre sprengten - wenn er also da ist, der Jahreswechsel, wird mal ein feierlich-verhärmter Blick aus dem Fenster geworfen.
Dann wieder hinsetzen und weitermachen.

Wo waren wir gerade?
Ach ja, Bleigießen.​.​.

Doch! Ja! Wirklich! Eine Verkettung unglücklicher Umstände zwang mich und die letztjährige Ignorantenrunde tatsächlich zur Pflege dieses Brauchtums. Unroutiniert, wie wir waren, saßen wir am Ende durchweg mit kaulquappen- oder spermienförmigen Gebilden in der Hand herum und diskutierten bislang verheimlichte Familienplanungen, die sich zu Neujahrsvorsätzen auswuchsen.​.​.

Oh ja, Neujahrsvorsätze. Schließlich muss immer irgendwas anders werden im neuen Jahr. Jedes Jahr. Silvester für Silvester werden wir so Schritt für Schritt bessere Menschen, leben gesünder, sehen weniger fern, vergessen keinen Geburtstag mehr, spülen freiwillig ab, übernehmen Patenschaften für norwegische Wale, nähern uns der Perfektion. Alle miteinander. Jawohl.
Ebenso verlässlich trifft allerdings schon im Januar die Erkenntnis ein, dass der Weg zum Paradies auf Erden voller abspülender Nichtraucher noch weit ist. Neujahrskater essen Vorsätze auf.
Womöglich gilt hier einfach der olympische Gedanke. Wie für das ganze Spektakel überhaupt. Hauptsache dabei.

>>>>>>Epilog (15.02.2012):
Obiger Text hat in seiner Urform einige Jahre auf dem Buckel, allerdings nichts an Aktualität verloren. Dennoch muss ich an zwei Stellen eine Anmerkung aus heutiger Sicht anbringen:
1. Dass man womöglich langsam alt wird, merkt man daran, dass einem kein Mensch mehr die Frage "Was machst'n an Silvester?​" stellt. Ich fühlte mich vergangenes Jahr deshalb irgendwie.​.​. leer. Was bringt das Silvester-Ignorieren, wenn es ohnehin die einzige Chance ist? Was hilft die Sitzblockade, wenn eh keiner durch will? Also, bitte: fragt mich dieses Jahr wieder. Danke!
2. Bleigießen ist Kult! (inzwischen)