Ich als Künstler

19.05.2016

von der "alten" Timbo-Seite
von der "alten" Timbo-Seite

Ach du meine Güte, habe ich hier schon lange nichts mehr geschrieben!

Dabei gab es doch in letzter Zeit durchaus den einen oder anderen Gedanken, den ich gerne mal weiter gedacht und das Ergebnis vielleicht dann zu virtuellem Papier gebracht hätte. Beispielsweise über die Hintergründe der häufig mangelnden Wiederverschließbarkeit von Schmelzkäseecken.
Aber... ich weiß auch nicht... ich hatte einfach dauernd zu viel anderes Zeug im Kopf und um die Ohren...

Oh. Möglicherweise erweckt das den Eindruck von Lustlosig- oder Nachlässigkeit. Und der Gerne-Leser, der nach Geschriebenem lechzt, mag es bestimmt nicht, wenn man nachlässig mit der Erfüllung seiner Bedürfnisse umgeht.

Ach, wäre ich doch nur Autor! Ich müsste nicht erklären, Ruhe, geistige Kapazitäten und Zeit nicht ausreichend gehabt oder nicht ausreichend in die entsprechenden Kanäle gelenkt zu haben! Nein, ich hätte einfach eine "Schreibblockade" gehabt.
Der potentielle Leser sähe mich nicht faul gammelnd oder viel zu unautorische Dinge wie Steuererklärungen machend vor seinem geistigen Auge, nein, er würde mich imaginieren, wie ich tagelang Fingernägel kauend auf meinen Computerbildschirm starre... nein, noch besser, wie ich tagelang meine Feder kauend auf ein leeres Pergament starre und auf die Eingebung warte, auf den inspirativen Funken, der mir doch sonst stets zur rechten Zeit geschickt wurde, mir, dem Berufenen, jetzt von den Musen Fallengelassenen... wie ich verzweifle, weil er nicht kommt, der Funke, wie ich weine, nichts mehr esse, mich zunehmend krank fühle, meinen Schmerz gen Himmel schmettere...

Aus beleidigt würde mitleidig. Pakete würde ich bekommen mit Kaffee und Gummibärchen, tröstende Briefe beigelegt, vielleicht sogar mit eindeutigen Angeboten, die Musenrolle zu übernehmen, so wie sich halt manche die Musenrolle für ihre Schreibenden so vorstellen.
Aber ich bin nun mal kein Autor. Ich bin nur jemand, der ab und zu was schreibt.

Und Künstler bin ich auch nicht.
Also, schon irgendwie, aber halt nicht so ein Künstler, der so ist, wie Künstler zu sein haben, die nicht müde werden, von sich zu sagen, dass sie Künstler sind: sich auf die Kunst konzentrierend, nichts als Künstler seiend. Denn Künstlersein wird in der Regel als alles erklärende und ausfüllende Eigenschaft angesehen.
Aber so ist das bei mir nicht. Ich bin nur einer, der so dies und jenes tut und macht, wie andere Leute auch, und in seiner Freizeit dann eben auch mal Kunst. Sogar vor Publikum.
Ob das reicht? Dann könnte ich, ähnlich Verständnis erzeugend wie der schreibblockierte Autor, davon reden, eine "Schaffenskrise" gehabt zu haben.

Außerdem könnte ich jeden zweiten Satz mit "Ich als Künstler..." anfangen. Das tun sie gerne, die Künstler. Dabei ist das, so scheint es mir als Irgendwie-auch-Künstler, ein überheblicher, alberner, schlicht inhaltsloser Vorsatz.
Was soll denn das sein - " Ich als Künstler"? Sind Menschen, die etwas erschaffen, von dem die Allgemeinheit oder wenigstens der Schaffende selbst annimmt, es sei Kunst, tatsächlich so anders in ihren Ansichten und Gefühlen als beispielsweise ein Mechaniker oder ein leitender Angestellter?

Künstler erwähnen das Künstlersein ja oft nicht nur, wenn es um das ohnehin allgemein allzu mystifizierte Künstlersein an sich geht. Sie sitzen auch in Talkshows, sagen "Ich als Künstler..." und treffen dann eine Aussage zu Fiskalpolitik oder Brotbacken, als würde die Einleitung ihrer Meinung eine völlig andere Bedeutung verleihen, als hätten sie alleine dadurch, dass sie morgen wieder ein Bild malen oder einen Text klöppeln, heute Abend eine gänzlich andere Sichtweise auf das gerade besprochene Thema als "normale" Menschen.

Mal ehrlich, liebe Mit-Künstler: Letztlich seid ihr doch auch nur so Leute. Vielleicht habt ihr eine Begabung, vielleicht nicht mal das. Vielleicht habt ihr, wie ich, einfach nur ein nettes Hobby und Spaß daran, ab und zu etwas zu erschaffen und dann sogar vorzuführen. Und selbst, wenn ihr es zum Beruf gemacht habt - hey, das machen andere auch, beginnen dann aber auch nicht jeden dritten Satz mit "Ich als Koch..." oder so.

Natürlich mag es sein, dass ein Künstler manchmal einen anderen Blick auf seine Umgebung und die Geschehnisse darin hat, weil er sie sofort zur künstlerischen Verwurstbarkeit verlinkt. Aber was ist daran speziell?
Während der Durchschnittsautofahrer eine kurvenreiche Strecke in aller Regel als eher lästig betrachtet, sieht der, der bei schönem Wetter aufs Motorrad umsteigt, darin das Versprechen eines wunderbaren sommerlichen Ausritts. Das ist genauso ein anderer Blick auf seine Umgebung. Aber wird er deshalb irgendwann mal sagen "Ich als Motorradfahrer finde die Sparpolitik der Regierung fragwürdig!" oder "Ich als Motorradfahrer glaube, das war Abseits!"?
Und wie anders muss der Blick eines leidenschaftlichen klassischen Grill-Betreibers auf ein saftiges Steak sein als der des Veganers...

A propos: Laut Klischee muss der Veganer ja auch dringend in jedes Gespräch einfließen lassen, dass er Veganer ist. Genau wie der Künstler stellt er, so sagt man, diese eine seiner vielen Eigenschaften bei jeder Gelegenheit heraus, vielleicht weil er damit vermitteln möchte, ein besserer Mensch zu sein, reflektiert, bewusst, moralisch-ethisch überlegen.

Und was will der Künstler vermitteln, der laufend erwähnt, Künstler zu sein?
Ich als Künstler weiß es nicht. Aber: es funktioniert.
Die Aussage erzeugt aus nicht nachvollziehbaren Gründen Ehrfurcht und Bewunderung, vermittelt, dass man auf einer anderen Ebene unterwegs sei, in fremden Sphären schwebe. Es schwingt das "ich kann was, was ihr nicht könnt" mit.
Auch hier gilt selbstverständlich: das ist mit allem anderen, das irgendwer kann, nicht anders. Aber unerklärlicherweise zieht nur das künstlerische Können, und sei es nur das behauptete, eine Art Gehege um den Inhaber. DIeses erlaubt ihm, sich aus gebührender Entfernung bestaunen zu lassen und darin allerhand Unsinn zu reden und zu tun, den man beispielsweise einem begnadeten Installateur oder fähigen Lehrer nie zugestehen oder nötigenfalls verzeihen würde.

Die Besonderheit besteht womöglich darin, dass der Künstler immer unangreifbar bleibt.
Baut der handwerklich Produzierende Mist, kann das jeder Stammtischbewohner anhand des nicht funktionstüchtigen Ergebnisses beurteilen. Noch besser bei Politikern, Juristen, Lehrern und manch anderen - hier muss man es noch nicht mal beurteilen können, um trotzdem für jedwede herabwürdigende Äußerung gegenüber deren Handeln reichlich Applaus zu ernten.
Wer aber das, was der Künstler künstlerisch treibt, nicht zu schätzen weiß, ist halt nicht bereit dafür oder einfach ein Banause. Und deswegen sagt man schon lieber gar nichts. Auch nicht zu dem, was der Künstler außerhalb seines Kunstschaffens so vom Stapel lässt, denn wenn man das für Unsinn hält, ist das kein Hinweis auf die Qualität des Geäußerten, sondern darauf, dass man als plumper Nichtkünstler eben einfach nicht versteht, wie es der ach so speziellen Künstlerseele gerade so ergeht. Und wer will sich das schon nachsagen lassen? Da nickt man doch lieber, seufzt vielleicht kurz und nippt am teuren Rotwein.

"Ich kann was, was ihr nicht könnt" heißt hier gleichsam "ich sehe was, was ihr nicht seht". Und scheinbar glaubt man das den Künstlern sogar.
Dabei kann ich als Künstler definitiv sagen: nein. Das wüsste ich.

Es ist am Ende ungefähr so wie mit dem Doktortitel: Im Grunde sagt der kaum etwas aus, aber er wird uns für immer und alle Zeit schwer beeindrucken und aus nicht nachvollziehbaren Gründen die Chancen auf ein höheres Gehalt vervielfachen. Also macht man's halt.

Ich hab meinen Doktor nicht gemacht.
Ich hatte auch keine Schreibblockade und keine Schaffenskrise.
Ich hatte einfach nur anderes Zeug im Kopf und um die Ohren, und habe deshalb die Einträge hier etwas schleifen lassen.
Geht doch jedem mal so, oder? Siehste.
Und ich bin da auch nicht anders.
Auch nicht als Künstler.