Der FilmFilm

10.01.2012

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 28.02.2003
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 28.02.2003

In Arbeitszeugnissen heißt "gab sich stets größte Mühe" bekanntlich so was wie "bekam nichts, aber auch GAR nichts auf die Reihe". Eine "besonders gute soziale Einbindung" beschreibt die Tratschtante, die stundenlang auf dem Gang stehen und andere mit Erzählungen von den neuesten Abenteuern ihres Goldhamsters von der Arbeit abhalten konnte. Und "war stets gut gelaunt" bedeutet "kam ziemlich oft schon besoffen zur Arbeit".

Wer nun meint, mit dieser Verschlüsselungstaktik stünden die Arbeitgeber alleine da, hat noch nie das Ergebnis des Schaffens eines Programm-Vorschau-Texters im Fernsehen bewundern müssen.
"Deutschlandpremiere" umschreibt dort billig eingekauften Schrott, den kein anderer Sender haben wollte.
"Weltpremiere" heißt zu deutsch "Eigenproduktion".
Und "Blockbuster" heißt "Film".

Ähnlich irritierend gestalten sich bei genauerer Betrachtung auch die Ankündigungen für "Infotainment"- oder "Wissenschafts"-Magazine.
Geradezu inflationär wird dort beispielsweise das Wort "warum" verwendet, jedoch sollte man sich dann kein Ergebnis von Ursachenforschung erwarten. Es soll lediglich den pseudo-investigativen Charakter des Ganzen unterstreichen. Wenn es beispielsweise in der Vorschau heißt "Orientierungswunder - WARUM Schildkröten zum Eierlegen an ihren Geburtsort zurückkehren", dann sieht man anschließend nicht etwa einen Beitrag, der die Gründe des Verhaltens erklärt, sondern einen Film darüber, DASS sie es tun. Punkt. 

Häufig verhält es sich mit "Nach der Werbung verrät Horst XY, WIE MAN.​.​.​" nicht anders. Nach der Werbung erfährt man von Horst XY nämlich lediglich, DASS ER.​.​.

Seien wir ehrlich: das DASS würde uns nicht interessieren. Gut, in der Regel geht es um Dinge, die einen auch mitsamt WIE nicht interessieren sollten. Trotzdem lähmt das Interesse an Begründungen und Hintergründen oft den Finger des fröhlich switchenden TV-Konsumenten eine Zeit lang, und sei es nur für die Dauer der Werbeunterbrechung plus eine Minute enttäuschten Erkennens.

Wer das mal verstanden hat und trotzdem noch glaubt, dass Casting-Show-Jury-Mitglied Wompf L. gleich nach der Pause exklusiv enthüllt, wer seine Favoriten im Wettbewerb sind, dem geschieht es allerdings auch recht, wenn er eine Viertelstunde später nach Aussagen wie "sehr viele sehr gute Kandidaten dabei" und "wird sehr spannend" desillusioniert im Fernsehsessel versinkt.