Bußgelder für Fußgänger

17.03.2013

erstmals veröffentlicht in !SZENE am 22.11.2002
erstmals veröffentlicht in !SZENE am 22.11.2002

Frage: Wo befindet sich das interessanteste Schaufenster der Welt?
Antwort: Immer im Augenwinkel der Leute, die gerade vor mir her laufen. Und zwar auf der Seite, die ich mir zum Überholen auserkoren habe. Deswegen müssen sie umgehend einen 90-Grad-Schwenk vollführen, ungeachtet des Herannahenden, so urplötzlich hingerissen und - vielleicht gar gegen ihren eigenen Willen - magisch angezogen sind sie.

Zumindest vermute ich etwas in der Art - wohlwollend, wie ich bin - als Erklärung dafür, dass mir permanent Leute in den Weg trampeln. Wäre das nämlich nicht die Erklärung, wäre die nächstnächstliegende, dass sie es aus purer Boshaftigkeit immer wieder tun, so dass ich nur bei dauerhaftem Aufmerksamkeitsgrad von 124% Unfälle vermeiden kann.

Gut, für Fußgänger gibt es keine Fahrspuren, keine Schienen, keine Rückspiegel, keine Blinker. Eigentlich gibt es für das, was auf dem Gehsteig oder in Fußgängerzonen passiert, überhaupt keine rechten Regelungen. Aber das soll keine Entschuldigung sein, sondern dringende Anregung: Was Tag für Tag kreuz und quer und vor allem in den Weg gelaufen wird, schreit geradezu nach bußgeldbewehrter Einschränkung!

Oder sind diese plötzlichen Richtungswechsel nur dazu da, das Überholtwerden zu vermeiden?
Das mag schließlich keiner. Jeder kennt das: Man nähert sich auf der Autobahn zügig dem Fahrzeug vor sich und schließt aus dieser Tatsache zu recht: Ich bin ein gutes Stück schneller als der. Nun denn: geblinkt, nach links gefahren.​.​. doch irgendwie kommt man nicht vorbei. Warum? Weil der Kollege plötzlich Gas gibt, als er bemerkt, dass einer vorbei will.

Als Fußgänger bin ich - mit Ausnahme des auf Urlaub und fremde Orte beschränkten Flanierens - ein sehr zielstrebiger Marschierer. Ich gehe, um anzukommen. "Bummeln" oder "Schlendern" halte ich für äußerst lästige Formen der Verkehrsbehinderung. Und immer wieder kann ich auch hier das Unbehagen derer regelrecht schmecken, die das Leben für eine einzige Olympiade halten und im imaginären Wettlauf zu unterliegen fürchten, wenn ich mit meinen meterlangen Stelzen stur nach vorne gerichteten Blicks im Stechschritt neben ihnen auftauche, was sie offenbar nicht rechtzeitig bemerkt und deshalb nicht durch einen spontanen Richtungswechsel verhindert haben.

Lustig war das Ganze neulich, als eine junge Dame gleich des geschilderten Autofahrer-Verhaltens reagierte. Sie erhöhte ihre Schrittfrequenz und trippelte unter höchster Anstrengung mit zusammengekniffenen Lippen ein Stück weit neben mir her. Nach ein paar Metern allerdings ging ihr wohl die Puste aus, und sie musste mich passieren lassen.

Zuhause angekommen, bastelte ich ihr eine Silbermedaille aus Kaugummipapier. Ich hoffe, ich treffe sie bald mal wieder zur Siegerehrung.