Bin ich alt?

15.01.2017

von der "alten" Timbo-Seite
von der "alten" Timbo-Seite

Bin ich alt?

Diese Frage taucht in letzter Zeit immer wieder einmal auf, sei es in Gesprächen mit etwa Gleichaltrigen oder auch, wie heute Morgen, beim Öffnen meines E-Mail-Accounts.

Und sie ist ja durchaus relevant, die Frage. Insbesondere wenn es darum geht, ob ich vielleicht zu alt für dies und jenes bin.
Habe ich beispielsweise den Punkt schon erreicht, an dem originell formulierte Schmeicheleien oder auch augenzwinkernde Scherze mit einem winzigen Hauch Anzüglichkeit gegenüber jungen Damen nicht mehr unterhaltsam, humorvoll und vielleicht gar ein bisschen anziehend wirken, sondern mich wie einen wunderlichen Lustgreis aussehen lassen?

Das Problem an der Sache: Ich finde keine eindeutige Antwort.

Sicher ist nur: Ich habe noch kein Haus gebaut, soweit ich weiß kein Kind gezeugt, und der Glücksklee auf dem Fensterbrett zählt vermutlich auch nicht als Baum. Ich muss also noch jung sein - oder ich bin bereits meilenweit am handelsüblichen Plan für ein Männerleben vorbeigerauscht.

Man sei so jung wie man sich fühle, heißt es. Wenn das ein Indiz sein könnte: Physisch fühlte ich mich schon mal jünger... damals...

Allerdings: Mein Körper mag so langsam dem Verfall entgegenschlittern, mein Geist aber fühlt sich immer noch wohler in der Gesellschaft studentischer Ausgelassenheit als bei Kaffee und Kuchen mit Kinderbetreuung.
Meinen Geburtstag feiere ich nach wie vor jedes Jahr etwa genauso wie mit Mitte zwanzig - nur dass die meisten Gäste mittlerweile früher ins Bett gehen. Die Ausschweifungen mögen heute nachhaltigere Spuren hinterlassen, aber wenigstens bin ich darüber hinaus, mit schmerzverzerrtem Gesicht und brüchiger Stimme zukünftige Abstinenz zu schwören. Ich bin alt genug, um zu wissen: Es geht vorbei. Und ich bin jung genug, um es nächstes Mal wieder zu tun.

Dazu kommt, dass viele meiner Einstellungen irgendwo in den Neunzigern hängengeblieben sind, dass ich der Letzte aus einem langhaarigen Schuljahrgang bin, der seine Frisur immer noch ein wenig wallen lässt, dass ich T-Shirt, Kapuzenpulli und nicht zwingend vollständig intakte Jeans nach wie vor dem Anzug und erst recht der Krawatte weit vorziehe...

Bin ich also jung geblieben?
Oder bin ich einfach nur verzweifelt?
Bin ich nun alt oder nicht?

Das ist sie, die Frage.

Und dann öffne ich heute Morgen meinen E-Mail-Account und sehe zwei Angebote für einen maßgeschneiderten Treppenlift.

Ich werde mir wohl die Haare abrasieren, einen langen grauen Mantel kaufen, einen passenden Hut dazu aufsetzen und Enten füttern gehen.