Ampel-Gehampel

04.08.2011

erstmals in längerer Version veröffentlicht in KULT Nr. 17 (1997), später gekürzt in !SZENE am 02.08.2002
erstmals in längerer Version veröffentlicht in KULT Nr. 17 (1997), später gekürzt in !SZENE am 02.08.2002

Wenn sich zwei Bekannte an einer roten Ampel gegenüberstehen, ergibt sich oft ein Schauspiel, dessen Betrachtung ich dem geneigten Leser für den Fall des unbeteiligten Danebenstehens dringend ans Herz legen möchte.

Es beginnt damit, dass sich beide per Gestik und Mimik das gegenseitige Erkannthaben signalisieren.
Gerade bei Jüngeren geschieht dies gerne durch nur leichtes, kurzes, für den anderen auf die Entfernung gerade so erkennbares Heben des Kinns. Das andere Extrem stellt hingegen die geradezu explodierende Lach-Grimasse mit zu einem ungefähren "Aaaah!" geöffneten Mund dar, begleitet von Ganzkörpereinsatz in Form von Winken bis hin zu kurzem Wippen oder Tänzeln, womit die unbändige Freude über das unerwartete Zusammentreffen über die Straße hinweg ohne Ton versichert wird.

Aber das ist ja nur der Anfang, der harmlose.

Nach den ersten Sekunden wird scheinbar beiden auf einmal klar, dass sie der einheimischen Vogelwelt, der üppigen Vegetation zwischen Gehweg und Bordstein sowie den in Sichtweite befindlichen Bauwerken in ihrem Leben bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Auch vorbeifahrende Autos und deren Insassen verlangen nach Betrachtung, und die Muster, die die Rillen im Asphalt im Zusammenspiel mit festgetretenen Kaugummis auf dem Boden bilden, sind bei näherem Hinsehen faszinierende Kunstwerke, geschaffen von Bruder Zufall.

Natürlich geht es einzig und allein darum, dem Gegenüber nicht ununterbrochen auf die Nase starren zu müssen, ohne etwas zu ihm sagen zu können. Gebrüllte Unterhaltungen über den Verkehr hinweg sind verpönt, und ein Dialog mit Händen und Füßen könnte den Umstehenden den peinlichen Eindruck vermitteln, man sei ein untalentierter Ausdruckstänzer oder nicht ganz dicht.

Der abschließende Höhepunkt folgt, wenn das grüne Männchen erscheint. Meist reicht die Freude über die Begegnung nicht aus dafür, dass nun einer von beiden auf seiner Straßenseite den anderen zum Plausch erwartet. Also trifft man sich mitten auf der Fahrbahn. Man begrüßt sich noch mal, jetzt verbal, inklusive einer knappen, aber in der Zwischenzeit perfekt ausgearbeiteten Bemerkung, die allerdings oft ungehört verhallt, weil beide durcheinander flachsen. Unübersehbar drücken Augen und Mundwinkel aus, wie bedauerlich es doch sei, dass die in Kürze wieder umspringende Ampel und der daraufhin anrollende Verkehr ein gemeinsames Verweilen an diesem Ort unmöglich machen würden.
"Toll, dich zu sehen, passiert ja sonst viel zu selten!", vermitteln die Gesichter, während die dazugehörigen Körper stur weiterlaufen. "Dabei sollten wir uns unbedingt mal wieder in Ruhe unterhalten, nur jetzt ist's halt gerade blöd! Wir müssen da mal was ausmachen! Ich ruf dich an!"
Zumindest letzteres ist in der Regel gelogen.